Landkarte
Hampi Siehe auch Im Zug von Süd nach Nord Tezpur

Guwahati গুৱাহাটী (Assam)

Rice harvest in West Bengal, India

Reisernte in Westbengalen

Railway bridge crossing the Ganges (West Bengal, India)

Die Überquerung der Ganga

Indian Railways: Secundarabad-Guwahati Express

Der Zug war diesmal wirklich voll

Liebe Birgit,

nun ist Süd­indien leider wieder einmal zu Ende, und ich eile neuen Zielen ent­gegen. Um diese zu er­reichen, hatte ich bereits vor zwei Monaten eine Bahn­fahrkarte gekauft, die mich von Hydera­bad im schmack­haften Andra Pradesh nach Guwahati im Nordost-Bundes­staat Assam bringen würde. Guwahati, obwohl keine Haupt­stadt, ist mit Abstand die größte Ansiedlung im Nord­osten und eignet sich daher als Sprung­brett für die nähere Erkundung dieses weitgehend unbekannten Teiles von Indien.

„Weitge­hend unbe­kannt“ kommt leider nicht von unge­fähr: Von den sieben Nordost­provinzen sind vier für Aus­länder gesperrt und können nur mit speziel­len Permits betreten werden, die ich nicht erfüllen kann oder will — Gruppe mit vier Mit­gliedern, Betreu­ung durch ein Reise­unternehmen etc. Auch in den restlichen dreien spielt der Tourismus keine allzugroße Rolle, weil sie abgelegen sind und niemals „auf dem Weg“ liegen; daher kommt hierher nur, wer es wirklich will (und das sind nicht viele).

Indian Food: Pacchadi (Andhra-style chutney)

Pachadi aus frischem Gemüse

Indian Food: Hyderabadi Biriyani

Hyderabadi Biriyani mit Lammfleisch

Fish fried at food stall in Hyderabad, Andhra Pradesh, India

Gebratener Fisch an einem Straßenstand in Hyderabad

Und so be­gann es: Von Hampi reiste ich per Nacht­bus ins wohl­bekannte Hyderabad und hatte einein­halb Tage Zeit, meine Erin­nerungen an vergangene kuli­narische Höhen­flüge wieder aufzu­frischen. Andhra war ja die erste Süd­provinz gewesen, die ich besucht hatte; und mehr als einmal war mir der Gedanke gekommen, daß meine Begeiste­rung für die Andhra-Küche vielleicht etwas über­trieben und nur der Freude über die Ab­wechslung von Nord zu Süd geschuldet war. Nun, diesmal kam ich von Süd zu Süd, und es war ganz gleicher­maßen ein freudiger Schock. Da hat Karnataka geschmack­lich verloren, noch ehe der Wett­bewerb richtig beginnt.

Aber bald mußte geschieden werden, und zur unmenschlichen Zeit von 7:20 bestieg ich den SecundarabadGuwahati-Express. Fast der ganze Zug war mit Bewohnern des Nordostens gefüllt, darunter viele Stammes­angehörige, die in Hyderabad oder sonstwo in Südindien studieren und jetzt zu Weihnachten heimfahren (das Christentum ist weit verbreitet und in drei der sieben Nordoststaaten die Mehrheits­religion). Rund um mich herum saßen Leute, die man auf den ersten Blick für singa­purianische, japanische oder koreanische Touristen hätte halten können; in Wahrheit gehörten sie Stämmen wie den Mizo, Nagas oder Meitei an, die weitläufig miteinander verwandte sino–tibetische Sprachen sprechen und die in jeder Hinsicht eher einen chinesi­schen oder südost­asiatischen Eindruck machen als einen indischen. Die meisten von ihnen erwiesen sich als unter­einander befreundete Theologie­studenten.

Travel companions from India's North East

Der chilikundige Naga aus Manipur mit seiner besten Freundin

Travelling companions from Mizoram

Zwei Studenten aus Mizoram

Bei der Viel­falt an Sprachen im Nord­osten ist Englisch die natür­liche Wahl für erfolg­reiche Kom­muni­kation; in drei der sieben Bundes­staaten ist es sogar offizielle Verwaltungs­sprache. Folglich konnte ich mich mit den Leuten herrlich unterhalten und mir genau schildern lassen, was ich wahr­scheinlich nie zu sehen bekommen werde: Vom schönen Manipur sprachen sie, dessen Wälder heute dank Terroristen, Aufständischen und Kriminellen der gefährlichste Ort Indiens sind; von den Dörfern der Nagas mit ihren Trophäen­bäumen aus der Zeit der Kopfjagden, die weniger als ein Menschenleben zurückliegt; und vom eigentlich sehr friedlichen Mizoram, dessen christlich gesteuertes Bildungs­system es immerhin auf 88% Alphabetisierung bringt, der zweitbeste Wert in Indien.

Natürlich fragte ich sie auch nach ihrer Küche und ihren Gewür­zen, und bereit­willigst gaben die Jungs Auskunft: Bei ihnen wären Speisen eher suppig, mehr gekocht als gebraten, und oft mit Nudeln wie bei den Chinesen. Sie würden nicht viele Gewürze ver­wenden, eigent­lich müßten Chili, Knob­lauch, Zwiebel und Ingwer reichen; aber sie mögen es scharf, und der beste Chili sei der „Königschili“, schärfer als jeder andere, und so feurig, daß man nicht einmal eine einzige Schote essen könne. Da war ich plötzlich elektrisiert.

Es gibt ja seit Jahrzehnten einen leicht perversen Wettbewerb um den Titel „Die schärfste Chilisorte der Welt“. Der gegen­wärtige Rekordhalter unter den traditionellen Sorten ist eine Schote aus Tezpur, einer Stadt in Assam. Von den vielen Namen für diesen Chili ist Naga Jolokia in westlichen Quellen am häufigsten zu finden; dabei ist Jalakia (gesprochen: Jôlôkia) einfach der assamesische Name für „Chili“, das ganze läßt sich also als „Chili der Nagas“ übersetzen. Mir zumindest war nie klar, ob diese Chilies wirklich von den Nagas verwendet wurden, oder ob deren Name hier nur metonymisch für „Hitze und Temperament“ steht (Stichwort: Ehemalige Kopfjäger). Ein anderer Name dafür ist Raja Mirch, was genau „Königschili“ bedeutet.

Daß mein Mitreisender, ein Naga aus dem Norden von Manipur, einen superscharfen „Königschili“ erwähnt, läßt nur einen Schluß zu: Dieser Wunderchili kommt tatsächlich aus der Naga-Küche. Als einheimischen Namen in seiner Muttersprache Tangkhul gab er übrigens „Hao Kasathei“ an. Auf die Frage, wo ich denn dieses Schärfewunder probieren könnte, wenn ich doch das Naga-Gebiet nicht betreten dürfte, meinten meine Mitreisenden, das sei gar kein Problem; in Guwahati würden viele Nagas leben, und es gebe da kleine Restaurants mit spezialisierter Küche. Ich solle einfach nach “Naga Hotel” fragen.

Toasted chickpeas seasoned with Bengaly pungent mustard oil

Geröstete Kichererbsen mit scharfem bengalischen Senföl

Bei solchen Gesprächen vergeht selbst eine Reise mit der Indian Railways wie im Flug. Über die Ver­pflegung während der Fahrt brauche ich dabei nicht viel zu sagen; eßbar aber nicht heraus­ragend. Aller­dings brachte einer der fliegenden Händler einen faszi­nierenden Snack mit, wie man ihn wohl nur in Bengalen bekommt: Ich erwartete eigentlich den sehr schmack­haften Standard-Snack aus gekochten Kicher­erbsen mit Chili, Koriander, Limette und anderen Gewürzen, aber die Kicher­erbsen erwiesen sich als geröstet und ziemlich schwer zu zerbeißen. Außerdem kratzten sie in der Nase, so daß ich unwill­kürlich an Wasabi-Erbsen erinnert wurde. Dann wurde mir klar, daß ich offen­bar das erste Mal in Indien über das berühmte bengalische „scharfe Senföl“ gestolpert war, das eine senf- oder meerrettich­artige Schärfe aufweist und in der bengalischen Küche als Würzöl dient.

Als wir früh am Morgen in Guwahati ankamen, sagte ich meinen Reise­gefährten Lebe­wohl und machte mich auf die Hotel­suche. Da stand mir aller­dings Herbes bevor: Ich bekam kein Hotel­zimmer, obwohl ich gut sechs Stunden den Paltan Bazar (das Hotel­viertel rund um Bahnhof und Bus­bahnhof) auf- und ablief. Oft diskutierte das Hotel­personal angeregt und zog ein bereits gemachtes Angebot wieder zurück, wobei ich gelegen­tlich Worte wie foreigner oder three star verstand; danach wies man mich immer zu irgend­einem teureren Etablisse­ment. Deshalb glaube ich an eine Verschwörungs­theorie, daß man Aus­länder beim Hotel einfach rupfen möchte und daß die billigen Hotels zahlungs­kräftige Gäste gegen Provision weiterreichen.

Capsicum chinense: Dried and smoked Naga Jolokia chili (King's Chili)

Getrockneter und geräucherter Naga Jolokia

Capsicum chinense: Fresh Naga Jolokia (Bhut Jolokiya) fruits (King's Chili)

Nicht mehr ganz frische Naga-Jolokia-Früchte

Two young Naga women in Guwahati

Die hilfreichen Naga-Damen

Indian/Naga food: Pork boiled in spicy broth

Schwein nach Naga-Art

Indian/Naga food: Fried pork innards with rice, cabbage and broth

Brühe, Reis, Kohl und Schweineinnereien

Trotzdem konnte ich den Vor­mittag in Guwahati dazu nutzen, in einer winzigen Kneipe mit dem hoch­trabenden Namen Royal Naga Hotel einzu­kehren und dort eine echte Naga-Speise zu pro­bieren: Ent­beintes Schweine­fleisch, gekocht in einer würzigen, ziemlich salzigen Brühe, und serviert mit gekochten Kohl­blättern und einem Chutney, das es in sich hatte. Es bestand aus etwas Koriander­blättern, Trocken­fisch und getrock­netem Königs­chili. Ich durfte auch die unglaublich leckeren Schweine-Innerein am Nachbar­tisch kosten, die in scharfem Öl gebraten waren und mit einem wunderbar pikanten Brataroma punkten konnten. Auf mein verzücktes Gesicht hin brachte mir der Koch zwei getrock­nete und ge­räucherte Schoten, von denen ich eine gleich probierte und die andere als Souvenier ein­packte. Form und Geschmack ent­sprachen ganz dem, was ich vom Naga Jolokia aus anderen Quellen bereits kannte.

Zwei junge Naga-Frauen am Tisch nebenan fanden mich offenbar inter­essant genug, um ein Ge­spräch mit mir zu be­ginnen. Ich fragte sie, ob ich denn auch die frischen Chilies irgend­wo sehen könnte, und sie setzten mich gleich in eine Riksha und zeigten mir ein paar Straßen­ecken weiter einen kleinen Stand mit getrocknetem Fisch, ein paar undefinier­baren Zutaten und einer Handvoll zwar leicht ange­gammelter aber immerhin gut erkennbarer frischer Exemplare. Die beiden meinten, sie seien sehr froh, einmal einen Ausländer kennen­gelernt zu haben, und ent­schwebten dann wieder zu ihrer Arbeit, die, wenn ich es richtig verstanden habe, irgend­etwas mit einem medizini­schen Labor zu tun hat. Ja, bei den Stämmen stehen die Frauen besser da als bei den ethnischen Indern.

Ohne Hotel macht Guwvhati aber trotzdem keinen Spaß, ganz besonders, wenn man gerade 48 Stunden Zugfahrt hinter sich hat. Deshalb habe ich beschlossen, die Brahmaputra-Metropole fürs erste zu ignorieren und mich gleich in das knapp 200 km östlich liegende Tezpur aufzumachen — das ist ja der Ort, an dem der Naga Jolokia im Jahr 2002 erstmals für die Wissenschaft entdeckt wurde. Dort werde ich, mit etwas Glück, weiteres Interessantes herausfinden.

P.S.: Man soll niemals nie sagen: Ein Jahr später war der Nordosten für Ausländer größtenteils geöffnet, und ich war natürlich dort.



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